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Bettina van Haaren

09.03. - 07.04.2024

In den Zeichnungen Bettina van Haarens geschieht die Verteilung der Elemente ohne Rangfolge, alles ist gleich wichtig und jede Strichlage hat Relevanz. Um Gerhard van der Grinten zu zitieren: „Uninteressante Formen existieren nicht.“ Nie werden Zeichnungen bis zum Letzten ausformuliert, sodass immer eine suggestive Offenheit verbleibt. Durch den Verzicht auf Farbe, Licht, Schatten und atmosphärische Effekte verhalten sich die Darstellungen in ihrer zeichnerischen Konzentration bei der ersten Annäherung recht still. Sie reizen dazu, intensiver nachzuschauen und herauszufinden, was denn daüberhaupt zu sehen ist. Dann setzt die Wirkung umso vehementer ein. Das Phänomen wird von Gerhard van der Grinten lyrisch umschrieben: „Lärmen erzeugt nur Lärm. Stille manchmal einen Donnerhall.“

Da ist einerseits der beflügelnde Moment, wenn sich die Zeichnung als mehrdimensionales Konstrukt entpuppt, das auch die Ebenen der Zeit und der räumlichen Ausdehnung miteinschließt. Andererseits lauern überall Momente der Verwunderung und des Schocks. Die Linien umreißen entblößte, hybride und metamorphe Körper, explizite oder surreal-skurrile Darstellungen von Sexualität, immer auch Gewaltakte und einschüchternde Symbole.

Das traditionelle Historienbild befriedigt das Bedürfnis nach einer in sich geschlossenen und schlüssigen Erzählung, dies tut eine Zeichnung von Bettina van Haaren nicht. Wenn Ikonografie auftaucht, dann als Montage im völlig neuen und umgedeuteten Kontext. Die irreale Performance der Selbstfigur, der Dinge im Bild und der ihnen zugrundeliegenden Linien bietet keine Heilsbotschaft, Erbauung oderVerherrlichung. Für Bettina van Haaren würde dies in der letzten Zeit bedeuten: Populismus, Propaganda, Simplifizierung und Verzerrungder Wirklichkeit. Ein Begriff, den die Künstlerin selbst regelmäßig verwendet, wenn sie über das Verhältnis zur Lebenswelt und zu ihrer Kunst spricht, ist „Ambiguitäts-Toleranz“. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Vieldeutigkeit auszuhalten und anzuerkennen. Die Zeichnungen von Bettina van Haaren spüren der erschütternden Komplexität unserer Gegenwart nach. Genau das macht die Betrachtung dieser postmodernen Historienbilder so herausfordernd, denn das Irreale ist häufig realer, als es uns lieb ist.

Aus dem Katalogaufsatz: Postmoderne Historienbilder, in: Bettina van Haaren – Kein Außen mehr. Zeichnungen 2020–2023, Köln 2023

Bettina van Haaren ist Malerin, Zeichnerin und Druckgraphikern.

Ihre figurative Kunst untersucht auf konzeptuelle Weise innere und äußere Wirklichkeiten. Das Werk wurde in fast 90 Einzel- und über 130 Gruppenausstellungen in Europa, USA, Neuseeland, Japan und China gezeigt. 27 monographische Publikationen über sie liegen vor, sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Seit 2000 ist sie Professorin für Zeichnung und Druckgraphik an der TU Dortmund.